Hippotherapie vorgestellt

Hippotherapie vorgestellt

Das therapeutische Reiten ist für viele ein Begriff. Diese Bewegungstherapie mit Pferd wird bei Personen mit Handicap in unbeschränkten Umfang eingesetzt. Die Hippotherapie ist ein Teilbereich des therapeutischen Reitens.

Was ist Hippotherapie?

Bei der Hippotherapie werden Bewegungsstörungen des zentralen und peripheren Nervensystems mit physiotherapeutischen Maßnahmen behandelt. Durch die unterstützenden Bewegungen des Therapiepferdes soll die Verbesserung des Bewegungsablaufs des einzelnen Patienten erreicht werden.

Diese Reittherapie dient als Ergänzung zu anderen physiotherapeutischen Therapien. Diese ärztlich verordnete zusätzliche Therapie wird durch Fachkräfte durchgeführt. Der ausführende Physiotherapeut oder Arzt muss eine Zusatzausbildung zum Hippotherapeuten erfolgreich abgeschlossen habe.

Die zum Einsatz kommenden Pferde sind speziell geschult. Außerdem müssen sie ruhig und ausgeglichen sein. Diese positiven Eigenschaften werden auf den Patienten übertragen.

Wie wirkt/funktioniert die Hippotherapie?

Die Hippotherapie ist eine individuelle Behandlung basierend auf die persönlichen Gegebenheiten des Patienten. Die Durchführung erfolgt in einer ruhigen Umgebung (leere Reithalle). Das Therapiepferd wird am langen Zügel durch eine Pferdefachkraft geführt. Der Hippotherapeut wird durch weitere Assistenten während der Behandlung unterstützt. Diese Personen sichern den Patienten auf dem Rücken des Pferdes. Die Anzahl der „helfenden Hände“ sind von den körperlichen Möglichkeiten des Reiters abhängig.

Die Schwingungen des Pferderückens (dreidimensional) beeinflussen das Körpergefühl, das Gleichgewicht und die Wahrnehmung des Patienten. Zusätzlich werden durch den schwingenden Rücken des Pferdes in der Bewegung Verspannungen und Blockaden gelöst. Beim Wechsel des Tempos wird die Muskulatur beansprucht und langfristig gestärkt.

Die positiven körperlichen Anreize durch die Pferdebewegungen sind nur ein Teilerfolg der Hippotherapie. Genauso wichtig ist die psychische Einwirkung des Pferdes auf den Menschen. Durch den Umgang mit dem Tier werden das Selbstvertrauen und die Motivation des Patienten gesteigert.

Diese Einzelbehandlung soll in regelmäßigen Zeiträumen wiederholt werden. Jede „Sitzung“ ist auf den Patienten abgestimmt und eine Überbelastung wird vermieden. Die Dauer der Übungseinheit schwankt zwischen 30 und 60 Minuten.

Was kostet Hippotherapie?

Eine Hippotherapie wird aufgrund einer ärztlichen Verordnung durchgeführt. Leider sieht das Bundesministerium für Gesundheit trotzdem keinen therapeutischen Nutzen. Das bedeutet für Patienten in Deutschland, dass die Krankenkassen für eine Übernahme der Kosten nicht verpflichtet sind.

Die Kosten für die Therapieeinheit sind unterschiedlich. Es gibt keinen einheitlichen Behandlungskatalog. Außerdem sind die Kosten abhängig von der Dauer (30 oder 60 Minuten) und in welchem Bundesland diese durchgeführt wird.

Verschiedene Krankenkassen übernehmen nach einer Einzelfallentscheidung einen Teil oder möglicherweise die kompletten anfallenden Kosten für die Reittherapie. In den Genuss dieser Übernahmeentscheidungen kommen MS-Patienten und Personen mit infantiler Zerebralparese. Eine Anfrage bei der zuständigen Pflegekasse könnte ebenfalls einen Teilerfolg bringen. Alle anderen müssen die Therapiekosten selbst tragen.

In verschiedenen Regionen Deutschlands werden Reitvereine durch private Spenden unterstützt. Dadurch können teilweise Hippotherapieeinheiten kostenlos oder mit reduziertem finanziellem Aufwand genutzt werden. Das Deutsche Kuratorium für therapeutisches Reiten e. V. (DKThR) kann hier bei der Suche helfen.

Wann/Bei wem kommt die Hippotherapie zum Einsatz?

Die Hippotherapie kann bei eingeschränkter Bewegung und Koordination zur Verbesserung des Krankheitsbildes führen. Zusätzlich kann die psychische Belastung durch die Krankheit durch die Hippotherapie positiv beeinflusst werden. Nachfolgend werden einige der Einsatzbereiche der Hippotherapie aufgezeigt. Diese Beispielliste ist nicht vollständig und dient lediglich als Übersicht der möglichen Einsatzbereiche.

Erkrankungen des Nervensystems (zentral, peripher)

  • Spastiken
  • Paresen
  • Ataxien
  • Dyskinesien
  • Akinese
  • Mischformen

Zu diesem Krankheitsbild zählen unter anderem:

  • Morbus Parkinson
  • Multiple Sklerose (MS)
  • Querschnittslähmung
  • Zerebralparese
  • Spastische Spinalparalyse
  • Rückenmarkserkrankungen
  • Spina bifida
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Einschränkungen nach Schlaganfall
  • Hemiparese
  • Paraplegie
  • ASS (Autismusspektrumstörung) mit motorischen Einbußen

Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates

  • Muskuläre oder kapsuläre Bewegungseinschränkungen (Hüfte, Wirbelsäule)
  • Bandscheibenproblematik
  • Fehlhaltungen in der Sagitalebene

Zu diesem Krankheitsbild zählen unter anderem:

  • Dymelien
  • Haltungsschwäche
  • Degenerative Erkrankungen (Wirbelsäule)
  • Zustand durch Amputation

Erkrankungen der Muskulatur und des Stoffwechsels

Nach einer Klassifikation nach Walton gibt es 800 verschiedene Formen von Muskelerkrankungen. Für viele kann sich auch die Hippotherapie eignen.

Erkrankungen aufgrund Chromosom Anomalien

Zum Beispiel Down-Syndrom

Welche Kritik gibt es an der Hippotherapie?

Die wichtigsten Einwände gegen die Hippotherapie betreffen die finanzielle Seite. Hier werden vor allem die hohen Kosten gegenüber anderen physiotherapeutischen Maßnahmen kritisiert. Außerdem wird unterstellt, dass diese therapeutischen Maßnahmen keinen höheren Nutzen für den Patienten haben.

Im Jahre 2016 wurde durch das Bundesministerium für Gesundheit einheitlich festgestellt, dass die Hippotherapie keinen wissenschaftlich belegbaren Nutzen für die Verbesserung von den oben genannten Erkrankungen hat. Dieser Beschluss ist nach wie vor gültig.

So heißt es dort unter anderem in der Zusammenfassung:

Aus den derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnis-sen lassen sich keine zuverlässigen Aussagen zum Nutzen und zur medizinischen Notwendigkeit der Hippotherapie im Vergleich zu anderen bereits angewandten Heilmitteln des Heilmittelkatalogs ableiten. Gleichzeitig ist die Behandlung der vorge-schlagenen bzw. in den Studien herangezogenen Indikationen bzw. Störungsmuster mit anderen Heilmitteln, die bereits zu Lasten der GKV verordnungsfähig sind, gesi-chert. Die Hippotherapie ist daher nicht in den Leistungskatalog der GKV aufzuneh-men, sondern weiterhin der Anlage der Heilmittel-Richtlinien über die nichtverord-nungsfähigen Heilmittel als Maßnahme zuzuordnen, deren therapeutischer Nutzen nicht nachgewiesen ist.

Quelle: https://www.g-ba.de/downloads/40-268-126/2006-11-13-Abschluss-Hippo.pdf

Studien zur Hippotherapie

Durch verschiedene Studien wurde zwischenzeitlich belegt, dass die Hippotherapie doch einen Nutzen für die Verbesserung von verschiedenen Leiden hat. Nachfolgend einige Beispiele:

1. „Einfluss der Hippotherapie auf Motorik und Lebensqualität von Kindern mit Zerebralparese“
Diese Studie ist abgeschlossen und wurde 2018 veröffentlicht. Die Untersuchungen wurden mit Kindern zwischen fünf und sechzehn Jahren durchgeführt. Alle Probanden hatten eine beidseitige spastische Lähmung, die sie bereits als Neugeborene bekommen haben. Das Ergebnis zeigt, dass die Hippotherapie die Gehfunktion von betroffenen Kindern unterstützt und verbessert.

2. „Studie MS-HIPPO“
Diese Studie ist abgeschlossen und wurde 2017 erstmals veröffentlicht. Diese abgeschlossene Studie beweist erstmals die positive Wirkung der Hippotherapie auf Evidenzstufe 1. Eine wöchentliche Hippotherapie als Ergänzung zur Standardtherapie verbessert das Gleichgewicht, reduziert die schnelle Ermüdung, verbessert die Spastizität und die Lebensqualität. Durchgeführt wurde diese Studie an Multiple-Sklerose-Patienten.

3. „Wirksamkeit der Hippotherapie bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma“
Die Studie sollte Mitte 2019 abgeschlossen sein. Eine Veröffentlichung der Ergebnisse ist noch nicht erfolgt. Untersucht wurde die Wirksamkeit der Hippotherapie auf Defizite bei der Rumpfkontrolle durch ein Schädel-Hirn-Trauma.

Mehr dazu bei der DKTHR.

Quellen:

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